Arbeitserfahrungen und Teilhabe ukrainischer Geflüchteter
Projektinhalt
Das Projekt, das in Kooperation mit Torben Krings (Johannes Kepler Universität Linz) durchgeführt wird, untersucht Arbeitserfahrungen ukrainischer Geflüchteter in einer dynamischen Längsschnittperspektive. Wir fragen nach Hindernissen und Gelegenheiten, die in Erwerbsarbeit in Bezug auf Teilhabe und Interessenvertretung entstehen. Dabei betrachten wir erwerbsbiografische Verläufe ebenso wie betriebliche und gesellschaftliche Kontexte.
Deutschland ist seit 2022 eines der wichtigsten Zielländer für Geflüchtete aus der Ukraine. Sie müssen in der EU bislang kein aufwendiges Asylverfahren durchlaufen, sondern erhalten unmittelbar einen Aufenthaltstitel, der den Zugang zum Arbeitsmarkt einschließt und bis Anfang 2026 auch Ansprüche auf Leistungen nach dem SGBII. Da die Mehrheit der Geflüchteten über ein hohes Qualifikationsniveau verfügt, schienen zunächst gute Voraussetzungen für eine Aufnahme von Erwerbsarbeit jenseits des Niedriglohnsektors zu bestehen. Dennoch ist bis dato ein erheblicher Teil der Beschäftigten in niedrig qualifizierten Tätigkeiten und oftmals unterhalb ihrer Vorqualifikation beschäftigt. Wir untersuchen vor diesem Hintergrund Teilhabechancen von ukrainischen Geflüchteten in Erwerbsarbeit. Wir rekurrieren dabei auf einen Teilhabebegriff, der neben Erfahrungen der Geflüchteten auch strukturierende Gegebenheiten und Herausforderungen bei der Arbeitssuche sowie im betrieblichen Kontext in den Blick nimmt.
Das Projekt fragt danach, welche Art von Erwerbsarbeit unter welchen Umständen für ukrainische Geflüchtete zugänglich ist. Erwerbsarbeit kann zur Teilhabe beitragen, dies ist aber keineswegs automatisch der Fall. Während die multiple Prekarität von Migrant:innen in der Forschungsliteratur unter anderem als Folge eingeschränkter Aufenthaltsrechte gesehen wird, gilt für Geflüchtete aus der Ukraine ein offener Arbeitsmarktzugang. Somit kann die Frage nach der Teilhabewirkung von Erwerbsarbeit aufgrund der relativ starken Rechtsposition dieser Geflüchteten als eine Art „Labor“ gesehen werden. Wie gestalten sich unter diesen Bedingungen Kontinuität von Beschäftigung, Durchsetzung von Arbeitsrechten und betriebliche Weiterentwicklung? Wie kann eine Integration in Erwerbsarbeit erreicht werden, die auf qualifikationsadäquater Beschäftigung basiert? Wie verbinden sich Erwerbsarbeit und soziale Reproduktion? Und welche Rolle spielen dabei betriebliche Interessenvertretung und Mitbestimmung? Welche Veränderungen begründen schließlich die Streichung des Anspruchs auf Leistungen nach dem SGB II sowie Beratung durch die Jobcenter, mit einem Übergang in den Rechtskreis des SGB II sowie in die Zuständigkeit der Sozialämter?
Das Projekt verbindet betriebliche Fallstudien mit einer qualitativen Panelstudie, um die erwerbsbiografischen Entwicklungen der Geflüchteten nachzuzeichnen. Durch Wiederholungsbefragungen soll ermittelt werden, wie sich Erwartungen und Aspirationen der Geflüchteten im Zeitverlauf verändern und wie sie ihre Erwerbsstrategien an einen gesellschaftlich wie betrieblich dynamischen Kontext anpassen. Die betrieblichen Fallstudien werden in drei Branchen unternommen, in denen verstärkt ukrainische Geflüchtete beschäftigt sind: Online-Versandhandel, Erziehungswesen, unternehmensnahe IT-Dienstleistungen. Dabei werden Beschäftigungsstrategien des Managements ebenso wie Positionen der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung erfasst, auch mit Bezug auf die Frage, wie sich individuelle Teilhabe und Fragen der Demokratie in der Arbeitswelt sowie der betrieblichen Mitbestimmung verbinden lassen.
Literatur zum Projekt:
Birke, Peter (2023): Zeitenwende. Der Bericht zur Arbeitsmarktintegration von Ukrainer:innen aus der Perspektive der kritischen Migrationsforschung. In: Movements, 7 (2).
Birke, Peter (2022):Vom Krieg ans Band? Migration und Arbeit in der heutigen Bundesrepublik. In: medico international.

