Klein- und Kleinstunternehmen (KKU) machen 96 % aller Betriebe in Deutschland aus und beschäftigen über 40 % aller Erwerbstätigen. Sie sind damit prägend nicht nur für die Wirtschaftsstruktur, sondern auch für die Arbeitsbedingungen eines erheblichen Teils der Erwerbstätigen. Hinsichtlich des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsprävention wird für KKU angesichts fehlender Ressourcen, begrenzter Umsetzung formaler (Arbeitsschutz-)Anforderungen und schwieriger Erreichbarkeit für Maßnahmen der Gesundheitsförderung häufig von Defiziten ausgegangen. Tatsächlich stellt sich die Welt der kleinen (< 50 Beschäftigte) und kleinsten (< 10 Beschäftigte) Betriebe aber als sehr heterogen dar, mit je nach Branchenzugehörigkeit, Art der Tätigkeiten sowie Qualifikationsniveau der Beschäftigten sehr unterschiedlichen Handlungs-, Arbeits- und Gesundheitsbedingungen. Diese Heterogenität wird in der Forschung zum Arbeits- und Gesundheitsschutz bislang kaum aufgegriffen, ebenso werden die Auswirkungen der für KKU typischen betrieblichen Sozialbeziehungen auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement nicht ausreichend in den Blick genommen.
Ziel des Forschungsprojektes ist es, die spezifischen Anforderungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Gelingensbedingungen für ein zielgruppengerechtes, wirksames und nachhaltiges Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) in KKU zu untersuchen. Im Fokus steht dabei, wie informelle Aushandlungsprozesse in KKU ablaufen und welche Chancen und Hürden sich daraus für Arbeitsschutz und Gesundheitsprävention ergeben. Uns interessiert zudem, wie die gesundheitsbezogenen subjektiven Orientierungen und biografischen Erfahrungen von Beschäftigten und Geschäftsführenden die Arbeits- und Gesundheitsbedingungen in KKU prägen und welche Konsequenzen sich hieraus für Ansprachestrategien externer Gesundheitsakteure wie insbesondere Krankenkassen ergeben.
Die empirische Untersuchung basiert auf einer breit angelegten Mehrebenen-Analyse, die nach Branchen, Tätigkeitsfeldern, Betriebsgrößen und Beschäftigtengruppen differenziert. Erfasst werden BGM-Bedarfe und -Bedingungen in KKU auf vier Ebenen:
- Arbeit und Tätigkeiten (Arbeitsanforderungen, Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen)
- Betrieb (Betriebstypen, Betriebskulturen, betriebliche Sozialbeziehungen)
- Subjektive Orientierungen und biografische Erfahrungen der Beschäftigten und Geschäftsführenden
- Zusammenwirken von betrieblichen und betriebsexternen, institutionellen Gesundheitsakteuren
Das Projekt sieht eine Kombination aus vergleichenden Betriebsfallstudien (Beobachtungsmethoden, Beschäftigteninterviews, Expertengespräche mit Geschäftsführenden und betrieblichen Gesundheitsakteuren) und Expertengesprächen mit externen gesundheitspolitischen Akteuren vor (Zuständigen aus Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, staatlichem Arbeitsschutz und von privaten Anbietern gesundheitsbezogener Maßnahmen sowie Vertreter:innen von Verbänden). Diese Kombination ermöglicht eine tiefenscharfe, kontextsensitive Analyse betrieblicher Realitäten und der spezifischen Handlungsbedingungen betrieblicher und betriebsexterner Akteure. Das Projekt wird einen Beitrag leisten, die besonderen Anforderungen und Gelingensbedingungen für betriebliche Gesundheitspolitik in Klein- und Kleinstunternehmen besser zu verstehen und auf dieser Grundlage Hinweise für spezifische Handlungsansätze in diesem Bereich zu erarbeiten.