Veranstaltungsrückblick: Gemeinsamer Nenner. Göttinger Gespräche zum gesellschaftlichen Zusammenhalt am 16.06.2026 im Forum Wissen

Die Veranstaltung am 16.06.2026 versetzte Podium und Gäste für einige Momente wieder zurück in die Jahre der Pandemie „Wie viel Pandemie steckt noch in unserer Gesellschaft?“ lautete die Frage des Abends im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gemeinsamer Nenner“ im Forum Wissen.

Auf dem Podium diskutierten der Niedersächsische Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung Dr. Andreas Philippi, Univ.-Prof. Dr. med. Simone Scheithauer, Direktorin des Instituts für Hygiene und Infektiologie (IH&I) an der UMG und der Soziologe Prof. Dr. Berthold Vogel, Sprecher des FGZ Göttingen und Direktor des SOFI über gesellschaftliche Folgen der Pandemie. Moderiert wurde der Abend, der persönliche Erfahrungen, wissenschaftliche Perspektiven und politische Einschätzungen verband, von Dr. Julia Kropf.

Die Pandemie als prägendes, aber nicht allein erklärendes Ereignis

Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, ob die Gesellschaft heute noch dieselbe sei wie vor der Pandemie. Die Diskutant:innen waren sich einig, dass sich die Auswirkungen von Corona nur schwer isoliert betrachten lassen. Neben der Pandemie prägen auch andere Entwicklungen wie der demografische Wandel, die Klimakrise und internationale Konflikte die gesellschaftliche Gegenwart. Die Pandemie wurde daher weniger als singuläre Ursache, sondern als Teil einer Vielzahl gleichzeitig wirkender Krisen verstanden. Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass Corona tiefe Spuren hinterlassen hat. Verwiesen wurde auf die anhaltenden gesundheitlichen Folgen, etwa Long-COVID-Erkrankungen, aber auch auf gesellschaftliche Veränderungen, die bis heute nachwirken.

Solidarität und gesellschaftliche Verwundbarkeit

Mehrfach wurde hervorgehoben, dass die Pandemie zwei gegensätzliche Seiten der Gesellschaft sichtbar gemacht hat. Einerseits erlebten wir ein außergewöhnliches Maß an Solidarität und gegenseitiger Unterstützung. Andererseits zeigte die Pandemie auch die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften. Dass das öffentliche Leben innerhalb kürzester Zeit weitgehend zum Stillstand gebracht werden konnte, beschrieb der Soziologe Berthold Vogel als ein soziologisches Wunder. Zudem wies Vogel darauf hin, dass Gesundheitspolitik elementar für das Vertrauen in Demokratie sei und daher nicht alleine als medizinische, sondern auch als soziale Frage verstanden werden müsse. Zugleich wurde betont, dass die Pandemie als zusammenhaltsgefährdende Erfahrung wahrgenommen wurde. Unterschiedliche Erwartungen, kontroverse Debatten und Unsicherheiten hätten teilweise zu Entfremdung und Misstrauen geführt. Umso wichtiger sei die Stärkung öffentlicher Institutionen und kommunaler Strukturen, da sich Krisenfestigkeit auf kommunaler Ebene entscheide.

Wissenschaft, Politik und Kommunikation

Ein zentrales Thema war das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik. Die Pandemie habe eine bislang seltene Form der Zusammenarbeit hervorgebracht, in der wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in politische Entscheidungen einflossen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schwierig die Übersetzung wissenschaftlicher Empfehlungen in politisches Handeln sein kann. Rückblickend wurde insbesondere die Kommunikation als entscheidender Faktor benannt. Zwar habe die Nutzung wissenschaftlicher Expertise vielerorts gut funktioniert, doch hätten eine klarere Vermittlung von Zielen und Entscheidungsgrundlagen sowie eine verständlichere Kommunikation zur gesellschaftlichen Akzeptanz beitragen können, reflektierte Simone Scheithauer. 

Zwischen Skepsis und Zuversicht: Lehren für die Zukunft

In einer abschließenden Runde überwog ein differenzierter Blick. Einerseits wurde die Sorge geäußert, dass das Vertrauen in verlässliche Strukturen gelitten habe und die Bereitschaft zu gemeinschaftlichem Handeln heute geringer sein könnte als noch vor der Pandemie. Andererseits wurden die während der Krise sichtbar gewordenen Stärken der Gesellschaft betont: Solidarität, Improvisationsfähigkeit und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik. Diese Erfahrungen könnten als Grundlage dienen, um zukünftige Krisen besser zu bewältigen. Als politische Aufgabe betonte der Minister insbesondere die Stärkung gesellschaftlicher Resilienz. Chancen sehe er dabei unter anderem in der Digitalisierung und im Einsatz von Künstlicher Intelligenz, um Krisen früher zu erkennen und schneller auf sie reagieren zu können.

Am Ende der Veranstaltung ließ sich festhalten: Die Pandemie kann weder ausschließlich als Gesundheitskrise noch als abgeschlossenes Kapitel betrachtet werden. Sie hat gesellschaftliche Stärken und Schwächen gleichermaßen sichtbar gemacht: Solidarität und Zusammenhalt ebenso wie Verletzlichkeit, Vertrauensverluste und Kommunikationsdefizite. Die Diskussion zeigte, dass die Aufarbeitung der Pandemie weiterhin notwendig bleibt – nicht zuletzt, um Vertrauen zu stärken, gesellschaftliche Dialoge zu fördern und die Lehren der vergangenen Jahre für zukünftige Krisen nutzbar zu machen. 

Gerahmt war die Veranstaltung durch die feierliche Eröffnung der Außenrauminstallation „Wieviel Corona steckt noch in uns?“, die pandemische Erfahrungen in Erinnerung ruft und zum Austausch über die gesellschaftlichen Folgen anregen soll. Grundlage der Installation, die in Kooperation mit dem Forum Wissen entstanden ist, ist das vom „COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen (COFONI)“ geförderte Projekt „Schutz. Vertrauen. Versöhnung?! Pandemie-Reflexionen in Zeiten sozialen Long-COVIDs“ am SOFI. Sie ist noch bis Herbst 2026 auf dem Vorplatz des Forum Wissen zu besichtigen und auszuprobieren. 

Die Veranstaltungsreihe „Gemeinsamer Nenner. Göttinger Gespräche zum Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ wird vom SOFI als Göttinger Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) in Kooperation mit dem Forum Wissen organisiert und durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. 

  • Zum Online-Artikel „Gesundheitsminister über Corona-Folgen: ‘Natürlich sind wir nicht mehr die Gleichen’“ in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen vom 21.06.2026: [LINK]